Dr. Jürgen Müller-Hohagen
Dr. Phil., Dipl.-Psych, Psychologischer
Psychotherapeut mit eigener Praxis in Dachau
Ein Klient, mit dem ich seit längerer Zeit therapeutisch arbeite, kommt aufgelöst in meine Praxis – und verfällt in eine Kette von Anklagen, auch gegen mich. Doch dann, nach mehr als einer halben Stunde, schlägt er unvermittelt die Hände vors
Gesicht und stammelt: „Entschuldigung, Vergebung! Was mache ich denn hier?“
Ich bin verblüfft und sehr berührt.
Dieser Mann, von dem ich so oft Klagen gehört habe, schlecht behandelt worden zu sein – „schuld“ sind immer die anderen –, er realisiert von ganz allein, was
er hier gerade macht. Er bittet dafür um Vergebung. Wie viel an allmählich gewachsenem Vertrauen dieser Schritt voraussetzte, kann ich jetzt nur andeuten.
Dabei ist die Kriegsvergangenheit seiner Eltern ein erheblicher Hintergrund, der immer wieder auftaucht: ein Vater, der viele Menschen ums Leben gebracht hat, eine Mutter, die beinahe erschossen wurde. Nachher Schweigen, fehlende
Einfühlung und völlig verdrehte „Schuld“-Zuweisungen an den Jungen. Kein Wunder, dass dieser sich darin gerettet hat, den Spieß umzudrehen.
In meiner therapeutischen und beratenden Arbeit begegne ich immer wieder solchen Schwierigkeiten, mit eigenen Fehlern oder Schuld umzugehen. Das hat,
so bin ich überzeugt, nicht zuletzt auch mit der gigantischen NS-Schuld und ihrer jahrzehntelangen Leugnung zu tun.
Dazu passt Simon Wiesenthals autobiografische Erzählung Die Sonnenblume. Vor zehn Jahren wurden meine Frau und ich gebeten, eine Antwort beizusteuern zur deutschen Neuausgabe. Ein jüdischer KZ-Häftling wird an das Sterbebett eines jungen SS-Manns gerufen, der ihm seine Beteiligung an einer grausigen Tat beichtet und dann um stellvertretende Vergebung bittet. Der Häftling kann das nicht. Simon Wiesenthal stellt an die Lesenden die Frage: Hätte er verzeihen sollen?
Die 59 Antworten umfassen in dem Buch mehr Raum als die Erzählung selbst. Ob sie nun vom Dalai Lama oder einer bekannten Professorin stammen – es gibt nicht die eine, die übergeordnet „richtige“ Antwort.
Hier ganz kurz drei Auszüge:
„Ich war tief betroffen von dem Ausmaß
an Verderbtheit und Bösem, das bei den Amnestie-Prozessen der Wahrheits- und Versöhnungskommission ans Licht gekommen ist. (…) Ich könnte von Menschen
erzählen, sowohl schwarzen als auch
weißen, die auf die Frage ‚Was hätte ich getan?‘ (geantwortet hätten), sie haben vergeben, erstaunlicherweise, unfassbar.“ (Erzbischof Desmond Tutu, Südafrika)
„Eine Legitimität genereller Vergebung sehe ich hingegen nicht.“
(Thomas Walther, deutscher Jurist)
„Vielleicht hätte ich gesagt ‚Nein, ich kann dir nicht vergeben‘. Vielleicht aber auch nicht. Lasset uns beten.“
(Dorothee Sölle, evangelische Theologin)

