Pfarer Dr. Bernhard Barnikol-Oettler, Vorstand des Evangelisches Beratungszentrums München e.V., ebz

Ich möchte zu diesem Thema aus der Sicht der Pastoralpsychologischen Beratung schreiben.
Zwei Themenkreise fallen mir dazu ein.
Das Thema Vergebung macht zunächst nur Sinn, wo es objektive Schuld gibt.
Es muss dann einen Täter und ein Opfer geben.
In der Beratung hier im Evangelischen Beratungszentrum haben wir es in der Regel damit nicht zu tun. Aber von objektiver Schuld zu unterscheiden sind ja Schuldgefühle. Und mit denen kommen Menschen zu uns.

Menschen können sich aus ganz unterschiedlichen Gründen schuldig fühlen. Zum Beispiel: Wäre ich zu diesem Zeitpunkt an einem anderen Ort gewesen, wäre das nicht passiert. 

Oder: Ich hätte so gerne einen geliebten Menschen beim Sterben begleitet.

Oder…
In der Beratung ist es aus meiner Sicht zunächst von großer Bedeutung, diese Gefühle ernst zu nehmen. Aber im zweiten Schritt gilt es dann zu versuchen, nachzufragen: Bin ich objektiv verantwortlich oder nicht? Gab es gute Gründe, dass ich es so gemacht habe, wie ich es gemacht habe? Diese Fragen helfen dabei, sich zu sortieren. Und dann weiter zu fragen, welche Bedeutung das Schuldgefühl sonst noch haben könnte.

Neben diesen konkreten Schuldgefühlen gibt es auch noch andere, tiefergehende Schuldgefühle.
So kann die Existenz eines Kindes nicht gewollt gewesen sein oder aber das Kind ist nicht „richtig“. Dies macht dem Kind und später dem Erwachsenen unbewusst ein Leben lang Schuldgefühle. Genauso kann dieses Gefühl entstehen, wenn die eigene Vitalität als Kind von den Elternfiguren nicht freudig und positiv aufgenommen wird. Ferner können Trennungen Schuldgefühle auslösen. So kann zum Beispiel Erfolg mit der Idee besetzt sein, sich vom Elternhaus trennen zu müssen.

Und schließlich können Katastrophen, und damit verbunden auch Schuldgefühle, in einer Familie über Generationen weitergegeben werden.

Alle diese Formen gilt es zu erforschen und eventuell dann auf die Möglichkeit einer Therapie hinzuweisen.

Neben dem Thema Schuldgefühle gibt es ein zweites großes Themenfeld, das besonders bei kirchlich Engagierten immer wieder zu Tage tritt. Das ist die Diskrepanz, um die Rechtfertigung des Sünders zu wissen, aber diese nicht zu spüren. Stattdessen wird ein Leben mit sehr hohen Idealen der Perfektion, der Pflichten und des Leistungsdrucks gelebt. Barmherzig mit sich selbst zu sein, klingt einfach – ist für viele aber eine schwierige Übung.

„Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst“– dieser Satz findet sich bekanntlich im Neuen Testament aus dem Munde Jesu. Auch hier gilt es in der Beratung, das Thema Vergebung konkret werden zu lassen. Niemand ist perfekt. Und muss es auch nicht sein.