
In den mehr als 20 Jahren, die ich als Pfarrer an der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte tätig bin, durfte ich viele Überlebende kennenlernen. Beim Thema Vergebung fällt mir besonders Nikolai Choprenko aus der Ukraine ein, der sich nach der Auswanderung in die USA in Nick Hope umbenannte und vor einem Jahr, am 10. März 2025 im Alter von 100 Jahre entschlafen ist.
Nikolai Choprenko litt noch Jahre nach seiner Befreiung 1945 unter den Spätfolgen der Torturen im KZ Dachau, im Außenlager Allach und auf dem Todesmarsch. Er suchte Trost im Alkohol. Vor einigen Jahren hat er es selbst so geschildert: Dann […] war ich in einer schrecklichen Situation. […]. Dort [an seinem Arbeitsplatz in München] arbeitete ein Kamerad, der trug eine Bibel bei sich und hat mir geholfen. „Weißt du, wenn wir beten und wenn du das alles aufgeben möchtest – rauchen, trinken, den Alkohol und alles, dann wird Er [Gott] es möglich machen – glaube und bete“. Und Gott hat es möglich gemacht. Gott hat mich eines Tages vom Rauchen befreit, vom Rauchen und vom Alkohol, von alledem, bis zum heutigen Tag. Ich war so froh.
Nikolai Choprenko versuchte diese Erfahrung auch anderen weiterzugeben:
Ich […] habe [1961] diesen Nazi Eisenbarth [, der mich bei der Zwangsarbeit für BMW in Allach gequält hatte,] in irgendeinem Büro getroffen. Als ich ihn erkannte hatte – er mich aber nicht – ging ich hin und sagte: „Herr Eisenbarth!“ Ich habe mich ihm vorgestellt und gesagt: „Ich bin gekommen, um dir zu vergeben“. Er war verwundert: „Was, wie?“ Er hatte Angst und dachte, dass ich ihn ins Gefängnis bringe, ihn schlage oder so etwas. „Nein“, sagte ich, „ich bin gekommen, um zu vergeben. Gib mir die Hand!“ Ich drückte ihm die Hand und sagte: „Denk daran, dass Gott existiert, es gibt ihn. Ich werde beten, dass Gott in dein Herz einkehrt, dass du dich so änderst, wie ich mich geändert habe, dass Gott mir hilft und auch dir, und dass du ein neues Leben beginnst.“
Ob Franz Eisenbarth sich auch geändert hat? Wir wissen es nicht. Aber Nikolai Choprenko hoffte darauf – nach seiner Einwanderung in die USA wählte er als neuen Familiennamen Hope, Hoffnung.
Einige Monate vor Nick Hopes Tod konnte ich Kontakt zu einem Mann aufnehmen, der ein Enkelsohn von Franz Eisenbarth ist. Er zumindest erinnert sich an seinen längst verstorbenen Opa als einen freundlichen Mann. Zur bereits verabredeten Begegnung von Nick Hope mit dem Enkel von Franz Eisenbarth kam es nicht mehr. Aber an Stelle seines verstorbenen Vaters reiste George Hope zum 80. Jahrestag der Befreiung an. Ich konnte eine Begegnung mit
Eisenbarths Enkel vermitteln – am Ende des langen Gesprächs umarmten sich die beiden Männer. Der Segen von Nick Hopes Vergebung wirkt weiter …
Björn Mensing

