Von der Sehnsucht ganz zu sein

„… Wir alle sind aus Sternenstaub / In unseren Augen war mal Glanz / Wir sind noch immer nicht zerbrochen / Wir sind ganz …“

So dichtete vor etwas mehr als zehn Jahren Annette Humpe. Zusammen mit Sänger Adel Tawil bildete sie damals das Deutsch-Pop-Duo „Ich und Ich“.

Das Lied „Vom selben Stern“ ist ein konsequentes Sternenlied. Es trifft in Gedanken und Stimmung genau mein Gefühl, das mich erfüllt und in eine Schwebe bringt, wenn ich in einen Sternenhimmel sehe. Oder besser gesagt: Wenn mich der Anblick der Sterne packt. Ach, sind das seltene Sternstunden!

Sie wissen, was ich meine. Sie kennen das. Ich bin mir sicher. Ja, es ist eines der wenigen Phänomene, die uns ohne Worte verstehen lassen: Wir sind vom selben Stern. Ein klarer Sternenhimmel. Unendliche Weiten. Unfassbare Schönheit. Entgrenzung. Faszination. Dem Sternenhimmel sind noch alle erlegen.

Kennen Sie den Film „Cloudatlas“? Erinnern Sie die Szene, in der Tom Hanks als altes Stammesoberhaupt unter dem Sternenhimmel sitzt und den Kindern erzählt? Auf dem Boden einer fremden Welt sitzt er. Doch er sitzt da, im Licht der Sterne, „noch immer nicht zerbrochen“ (Ich und Ich), sondern irgendwie ganz.

Der Sternenhimmel. Ein Symbol für Ganzheitlichkeit. Für ein Ganzsein, das mehr bedeutet, als dass alle Teile beisammen sind. Auf einen Sinn verweist dieses Symbol, der sich nicht definieren lässt, der unser Denken und Reden übersteigt.

Von „Transzendenz“ sprächen an dieser Stelle Theologie und Philosophie. Schöner als jede Definition dafür finde ich diese zwei Sätze Immanuel Kants: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.“

Beim Anblick des Sternenhimmels liegen sich Pop-Musik und Filmkultur der Gegenwart und Philosophie der Aufklärung in den Armen. Stünden sie vor mir und blickten mit mir zu den Sternen, Annette Humpe, Tom Hanks und Immanuel Kant, ich wäre sicher: Für einen Augenblick würden wir uns ganz und gar verstehen. Und Adel Tawil käme hinzu und sänge uns aus den Herzen und den Sternen entgegen:

„… Du bist vom selben Stern / Ich kann deinen Herzschlag hören / Du bist vom selben Stern / Wie ich …“

Lichtjahre würden uns voneinander trennen, keine Frage. In ganz anderen Welten sind wir beheimatet. Aber doch: Wir sind vom selben Stern. Wie verschieden wir auch sein mögen, wir tragen dieselbe Sehnsucht in uns: ganz zu sein.

Tipp: Halten Sie mal an, die Beine, die Arme, die Luft, und blicken Sie in den gestirnten Himmel über Ihnen. Ihre Sehnsucht wird keinesfalls verschwinden. Mit himmlischer Hilfe mögen Sie sich aber verstanden und aufgehoben fühlen.          

Gerhard Last