Mit dem Ankommen ist das so ne Sache

Mein Freund Uli, von dem ich schon manchmal erzählt habe, ist in die Jahre gekommen.

Für lange Strecken fährt er seit einigen Jahren von Flensburg aus nicht mehr mit dem Auto, sondern mit der Deutschen Bahn. Beinahe reflexartig hat er dem Vorsitzenden der DB, Mehdorn, Gruber oder wie sie alle hießen, eine Beschwerdemail geschrieben, weil der Zug zu spät ankam – wie er mir nach jeder Fahrt berichtete. Ich hatte ihn schon im Verdacht, dass er diese Beschwerden schon vor Antritt der Fahrt schrieb, um sie am Zielbahnhof gleich abzuschicken.

Wie staunte er sozusagen „Bauklötze“, als er eines Tages mit der DB von Flensburg nach Leer in Ostfriesland fuhr und 10 Min. früher am Zielbahnhof ankam. Mit der DB und dem Ankommen kann jeder und jede von uns ganz eigene Geschichten erzählen.

Das „Ankommen“ ist ja ziemlich in Mode gekommen. Manche beteuern: „Wir sollen in unserem Leben ankommen.“ Dabei setzen manche noch eins drauf und sagen: „im Hier und Jetzt ankommen“.

Als wären wir nicht längst in unserem Leben angekommen. Wir stehen jeden Tag auf, essen, arbeiten, schauen TV und schlafen dann wieder. Im „hier und jetzt“ merken wir, wo es in unserem Körper zwickt und zwackt und laufen zum Arzt, wenn wir denn einen Termin bekommen. Da soll noch einer sagen, wir würden uns nicht spüren. Geschenkt.

Also, was soll dieses Gerede vom „Ankommen“? Was heißt denn Ankommen, Angekommen sein? Dass wir auf einer Reise, auf einem Weg waren und am Ziel angekommen sind.

Mein Freund Michael, von dem ich noch nie erzählt habe, kommt irgendwie anders an. Als seine Frau vor 4 Jahren starb, trauerte er in seinem großen Bungalow, in dem er nun allein war. Er erinnerte sich irgendwann, dass er eigentlich von Begegnungen lebt und die Gespräche und Gemeinschaft vermisst.

Da öffnete er seine Tür, nahm eine Studentin auf und verwandelte sein Haus in eine „Wohngemeinschaft“. Das habe beide bereichert, wie er mir erzählte.

Nun lebt er in seinem Bungalow mit einer kurdisch-irakischen Flüchtlingsfamilie zusammen. Ein Ehepaar und ihr 5-jähriger Sohn.  Auch wenn dies anfangs nicht ganz einfach war, schon allein wegen der Sprache, haben sie zueinander gefunden und sogar ein deutsches Weihnachtsfest mit kurdischem Festessen gefeiert. Als achtfacher Großvater ist er nun ein weiteres Mal Großvater und bringt den Jungen morgens zum Kindergarten.

Als er mir davon erzählte, hatte ich den Eindruck, er sei wiederum in einem neuen Lebensabschnitt angekommen und nutze die Begegnungen, die sich ihm bieten.

Das Ankommen ergibt sich dann von alleine, wenn wir neugierig auf das Leben der anderen sind und uns immer wieder auf den Weg machen.

Pfr. Thomas Körner