„…und ob ich schon wanderte im digiTal…?“

 

Seit Anfang 2020 steht die Welt auf dem Kopf. Alle sind betroffen, auch die Jugend. Wenngleich das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs für jüngere Menschen geringer ist, gibt es viele andere Begleiterscheinungen mit denen umgegangen werden muss. „Social Distancing“, soziale Distanzierung war eine der ersten Phrasen, die zu Beginn der Pandemie auftauchten. Ein Aufruf mit vielen Folgen. Für jeden Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche, entwickelt sich die eigene Person durch Interaktion mit anderen. Martin Buber ein Religions­philospoh pointiert es:

„Der Mensch wird am Du zum Ich“.

Die LMU München führt derzeit gemeinsam mit der University of Nottingham und University of Oxford eine Studie durch u.a. zu den Folgen der sozialen Distanzierung.

Das obige bunte Wortfeld ist das Ergebnis einer Umfrage aus einem digitalen Konfikurs der Gnadenkirche. Über eine Videosoftware „Zoom“ können sich Gruppen und Kreise treffen und via Bild und Ton miteinander kommunizieren. Abhängig vom Organisator wird auch interaktiv gearbeitet, die Teilnehmer*innen können mit Hilfe virtueller Programme, wie im Bild oben, z.B. in Umfragen ihre Meinung mitteilen. Schulen und Universitäten wählen zum Schutz vor Infektionen diese digitalen Alternativen. Zum organisatorischen Austausch oder zur Wissensvermittlung sind diese virtuellen Begegnungen zweckdienlich und trotz digitalem Methodenkoffer nur begrenzt erfolgreich. Architektonische Gebilde, die sich auf die Atmosphäre und das Lernverhalten auswirken, Wohlfühlorte wie z.B. Jugendräume, die selbst gestaltet wurden, dieses Ambiente bietet der Laptop auf dem Küchentisch nicht.

Die Gemeinschaft, gerade in einer Institution wie der Kirche, lebt von Begegnung.

Ein Rückblick auf ein Jahr der Wanderung im digiTal, mit vielen Sitzungen und Treffen zeigt deutlich die Verluste von überwiegend virtuellen Begegnungen. Als Jugendreferent sind es gerade die persönlichen Gespräche, die vor oder nach einer Sitzung oder in einem offenen Treff oder gar bei Aktionen und Freizeiten stattfinden. Gespräche, welche die Grundlage für Beziehungen sind. Ein Zuspruch, das Gesehen oder Gehört werden und Menschen in ihrer non-verbalen Kommunikation wahrnehmen. Die Vermittlung bleibt im digitalen Leben größtenteils aus, die soziale Distanzierung bleibt also trotz eines virtuellen Methodenfeuerwerks.

Wir in der Kirche, egal ob Erwachsene oder Jugend, nutzen „Zoom“ für Mitarbeiterkreise, Dienstbesprechungen, Kirchenvorstände, sogar für die Übertragung von Gottesdiensten. Online Angebote der Jugendarbeit zum Spielen werden mäßig genutzt, da die Jugendlichen durch Schule oder Studium ohnehin schon sehr viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Da sind noch mehr virtuelle Angebote unattraktiv.

Für uns als Jugendverband aber auch als Gemeinde mit all ihren Ehrenamtlichen ist es eine beunruhigende Zeit. Trotz der technischen Errungenschaften unserer Gesellschaft, offenbart die Pandemie dem Fortschritt eine klare Grenze für die Möglichkeiten im sozialen Miteinander. Dies ist schade, da Gemeinschaften wie wir von diesem Miteinander leben. Es kann auch Vorfreude für die Zeit nach der Pandemie bereiten. Mit kulturellen und spirituellen Angeboten können dann wieder jene Bedürfnisse erfüllt werden und den möglichen Folgen sozialer Distanzierung oder gar Isolation mit viel Gemeinschaft entgegen gewirkt werden. Vielleicht bekommen Aktionen mit Musik und Lagerfeuer oder ein Gemeindefest sogar mehr Zulauf als vor der Pandemie, da der Wert solcher Veranstaltungen gerade jetzt für jeden noch spürbarer zu sein scheint.

Bis dahin erhalten wir die Infrastruktur des gemeindlichen Lebens und natürlich alles was dadurch erwachsen kann aufrecht. Liebe, Vertrauen und Neugier sollen uns in dieser Zeit begleiten. Liebe für jeden und zu allem, was uns begegnet. Vertrauen darauf, dass aus dem was wir in die Begegnung von uns hineingeben und investieren etwas Gutes erwächst. Neugier darauf, wie sich jene Dinge durch unser Zutun entwickeln und es vielleicht anders wird, als wir es erwartet hatten, dem können wir dann wieder mit Liebe begegnen.

Diakon Enrico Halbauer
Gemeindereferent Schwerpunkt
Jugendarbeit in Karlsfeld, Dachau und Kemmoden-Petershausen