Chancen und Grenzen aus der Sicht einer Relgionslehrerin

Gerade habe ich mein sechstes Youtube-Video hochgeladen. Ich bewege mich immer noch, bestenfalls, im semiprofessionellen Bereich. Mir ist es schier unbegreiflich, wie man freiwillig auf die Idee kommen könnte, Youtuber*in als Berufswunsch in Betracht zu ziehen. Aber gut, dies nur am Rande.

Ich dachte immer: „Ich bin jung, dynamisch, frisch und voller spritziger Ideen!“ Homeschooling 2.0 zeigt mir: „Pustekuchen, du bist voll oldschool.“

Ich bin Religionslehrerin von der Haarwurzel bis in die Zehenspitzen und gehe gerne zur Arbeit. Ich freue mich – Stunde für Stunde – auf meine Schüler*innen. Ich staune über die philosophischen Freiheiten und moralischen Klarheiten, gebettet in einer liebevollen persönlichen Theologie, die mir Tag für Tag von meinen Schüler*innen „geschenkt“ werden.

Religionsunterricht hat ganz viel mit den Schüler*innen selbst zu tun, da geht es um große oder kleine Gefühle, um Streit, um Neid, um Freude… um mich. Um richtig guten Religions­unterricht zu haben, muss die Klasse eine feste, vertraute Gruppe sein, mit klaren Regeln und Ritualen. Da muss jede*r wissen: „Hier kann ich sagen, was ich denke und fühle, hier werde ich gehört und nicht ausgelacht.“ Das ist ein Prozess. Das geht nicht „schnipp“ auf gleich und manchmal gelingt es auch nicht, so sehr man sich auch bemüht.

Der Start in dieses Schuljahr hat da vieles erschwert. Neu gefundene Gemeinschaften wurden Mitte Oktober wieder auseinandergerissen und Religionsunterricht wurde weltanschau­lich sensibel im Klassenverband unter­richtet. Und nun, seit Mitte Dezember, im Home­schooling.

Jetzt habe ich meine Schüler*innen nicht mehr direkt vor mir. In der kleinen Ansichtsleiste von MS Teams kann ich weder Mimik noch Gestik gut erkennen. Das permanente Pfeifen, Haken, Knistern und Hängen der Technik lenkt ab. Doch wie sollen die Themen an die Schüler*innen kommen? Sie brauchen doch die Geschichten, die Lieder, das Gespräch, den Austausch… All das ist schwer künstlich zu schaffen. Ich bemühe mich jeden Tag aufs Neue. Meine Erzählungen, Impulse und Stunden­anfänge versuche ich via Video bei meinen Schüler*innen auf den Schreibtisch zu bringen. Aber ich kann nur in die eine Richtung senden und leider nur schwer und wenn dann sehr zeitversetzt empfangen. Die tollen, spontanen Gedanken und Äußerungen meiner Schüler*innen bleiben im heimischen Kinderzimmer. Aus dem lebendigen Dialog wird ein monotoner Input, den ich versuche so ansprechend und liebevoll wie möglich zu senden.

Auf der anderen Seite ist es beruhi­gend zu wissen, dass es möglich ist, dass wir – auch ohne räumliche Nähe – weiter zusammen Unterricht haben können. Ohne Angst haben zu müssen und auch ohne permanent mit Sätzen wie: „Bitte zieh deine Maske hoch“ oder: „Bitte achte auf den Abstand“ und ganz zu schweigen von: „Hände waschen“ und „Wir lüften mal“ vom Thema abzukommen.

Und in all dem entsteht etwas Neues, was ich in diesem Ausmaß noch nie hatte. Ich habe es sehr zu schätzen gelernt: Ich habe mehr Kontakt mit den Eltern meiner Schüler*innen. Ich darf Einblick nehmen in das heimische Geschehen und bekomme mehr mit. Auch andersrum werde ich von meinen Schüler*innen und auch von den Eltern mehr als Mensch wahrge­nommen. Da wird mir auf einmal Nervennahrung vor die Tür gestellt oder ein Bild gemalt und eingescannt. Eltern nutzen die Chance, mir Feedback zu geben über einige Jahre der Zusammenarbeit und manchmal auch, um einfach Danke zu sagen.

Und während draußen die Schneeflocken nicht aufhören wollen zu fallen, sitze ich in meinem warmen Arbeitszimmer und muss nicht 35 km nach München zu meiner Schule fahren. Ich kann, ein wenig neidisch, meinen Katzen beim Schlafen zuschauen. Und ich bin da, wenn bei meinem Sohn, ein Stockwerk tiefer, das Homeschooling Fragen aufwirft.

Vieles ist anders in diesen Tagen. Auf viel Vertrautes kann ich gerade nicht zurück­greifen. Ich muss mich neu definieren, neue Arbeitsfelder entwickeln, mich einarbeiten. Das ist spannend, lockt mich aus meiner Komfortzone und hält wirklich jung.

Und am Ende kann ich nur sagen: „Was für ein Segen, dass es weitergehen kann.“

Cécile Koch
Sie unterrichtet an drei verschiedenen Grundschulen in München und im Dachauer Hinterland.