Hoffnungsvolle Blicke in eine friedlichere Zukunft

Dachau ist meine Heimat­stadt. Geboren wurde ich aber nicht hier, sondern 1941 in Bunzlau in Nieder­schlesien. Heute gehört es zu Polen und heißt Bolesla­wiec. In Dachau fühle ich mich mit meiner Familie wohl. Aber auf Bunzlau, das ich mit vier Jahren verlas­sen musste, war ich immer neugierig.

Ab Ende der 80-er Jahre hatte ich beruf­lich regel­mäßig in Polen zu tun. Häufig fuhr ich mit dem Auto über eine Straße, die geradewegs über meinen Geburtsort führt. Klar, dass ich dort gelegentlich auch eine Rast einlegte, mich ein bisschen umschaute und auch Dinge entdeckte, die ich von alten Fotos meiner Eltern kannte.

Aber das reichte mir nicht. Ich wollte mein Elternhaus finden und nach Möglichkeit auch besuchen. In etwa erinnerte ich mich, wo wir gewohnt hatten. Mein Vater gab mir den Straßennamen und die Hausnummer mit auf den Weg. Aber damit war nicht viel anzufangen. Deutsche Straßennamen gibt es dort nicht mehr.

Ziemlich hilflos und weil ich bei schon einbrechender Dunkelheit noch knapp vier Stunden bis zu meinem Zielort Posen vor mir hatte, ging ich auf gut Glück – und auch etwas angespannt – zur Polizeiwache. Ich hatte ja kein alltägliches Anliegen.

Fast wie erwartet verstand mich der diensthabende Polizist nur schlecht. Aber er brachte ein freundliches „Warte, Kamerad“ hervor und ging ans Telefon. Nach einigen Minuten meldete sich eine deutsch­sprechen­de Dame am anderen Ende, hörte sich mein Anliegen an und versprach mir bei der Suche zu helfen, sobald ich wieder in der Stadt sei. Der Polizist schrieb mir ihre für mich schwierig zu verstehende Adresse auf und zeigte mir auf der Straßenkarte meinen noch vor mir liegenden Weg.

Zehn Tage später war ich wieder in der Stadt, und wir begaben uns auf die Suche. Frau Martha, so hieß die Dame, war auch in Bunzlau geboren, nach dem Krieg, aber in Polen geblieben und die Frau des örtlichen Polizeichefs gewor­den. Sie war deshalb auch, wie man heute sagt, gut vernetzt.

In einem Stadtteil waren wir plötzlich vor einem mir bekannt erscheinenden Haus Ich bat Frau Martha zu läuten und zu fragen. Nach einer Weile kam sie tatsächlich in Begleitung eines älteren Ehepaares zum Gartenzaun und ich erzählte meine Geschichte. Frau Martha übersetzte brav.

Nach etwa einer Viertelstunde baten mich die Herrschaften ins Grundstück und danach, sehr freundlich, ins Haus zu Tee und Gebäck. An dem Tisch, an dem ich schon als Kleinkind gesessen hatte, wurde ich nach Fotos meiner Familie gefragt und gebeten über meine Eltern zu erzählen.

Und dann erzählten Henryka und Felix, so hießen die beiden, aus ihrem Leben. Henryka hatte das Warschauer Ghetto überlebt. Felix hatte als Zwangsarbeiter in Deutschland gearbeitet, genauer gesagt beim Bau der Bahnlinie München – Ingolstadt in der Nähe von Dachau, wohl ganz in der Nähe des späteren Hauses meiner Eltern. Das alles hat mich sehr berührt, gerade auch die Freundlichkeit und Offenheit, mit der sie einem Besucher aus Dachau angesichts ihres eigenen familiären Hintergrundes begegneten.

Um die Gastfreundschaft nicht überzu­strapazieren, verabschiedete ich mich nach gut einer Stunde. Dabei sprachen die beiden noch die Einladung aus, doch wieder zu kommen, sobald ich wieder in Polen sei. Das habe ich gerne angenommen.

Ich besuche die Familie seither fast jedes Jahr. Auch meine Frau war schon mit dabei. Felix ist leider schon verstorben, Henryka wird im August 93 Jahre alt. Inzwischen wohnt ihr Sohn Andreas, der ganz gut deutsch spricht, mit im Haus.

Auch dieses Jahr werde ich mich, so Gott will, wieder auf die Reise machen. Es ist jedes Mal ein spannender Aufbruch zu alten Freunden und neuen Einblicken.

Dieter Würl