Oder: Warum es nicht immer leicht ist, aufzubrechen

Vor zehn Jahren bekam ich eine Email von meinem Verlag, dass wenige Kilometer von mir entfernt ein „Autorenkollege“ zu finden sei. Als ich damals aufbrach, ahnte ich nicht, dass ich einen wertvollen Freund fürs Leben finden würde. Aber um meinen Aufbruch geht es hier nicht…

Cécile Koch: Fredy, ich habe selten ein Buch gelesen, bei dem der Titel so gut gepasst hat, wie bei Dir. Denn, tatsächlich, schießt einem beim Lesen immer wieder dein Titel in den Kopf. Mal will man Dich anschreien, mal schütteln… Hast Du deshalb diesen Titel gewählt?

Alfred Endres: Das war ein verzweifelter Hilferuf meiner Mutter. Ich habe zu ihr immer ein gutes Verhältnis gehabt und ihr in jungen Jahren bereits gesagt dass ich keinen Weg finde vom Bier loszukommen. Sie wusste bereits von all dem und war so hilflos, dass ihr irgendwann dieser Satz rausrutschte.

C.K.: Wenn man Dein Buch liest, Deinen Kindheitserlebnissen folgt, dann wirkt alles gut bürgerlich und geordnet. Dein Vater mit eigener Fahrradwerkstatt, Ernährer der Familie, Deine Mutter schmeißt den Haushalt… Was ist da schief gelaufen?

A.E.: Das Bewusstsein für Sucht fehlte in den 70er und 80er Jahren völlig. Jedenfalls bei uns zu Hause. Rauchen war gesellschaftsfähig, ja teilweise sogar angesehen (siehe Helmut Schmidt), Trinken galt als normal und in Bayern war Bier das berühmte Grundnahrungsmittel. Dass ihr schüchterner Sohn bald zu Depressionen neigen sollte, bemerkten meine Eltern nicht. Zu schwer war der eigene Kampf ums materielle Überleben.

C.K.: Jahrelang war Dachau Dein Lebensmittelpunkt. Hier hast Du gearbeitet. Warst erfolgreich und geschätzt. Zu Beginn…

A.E.: …fiel mir alles in den Schoß. Ein toller Job, nette Kollegen, gute berufliche Aussichten, die eigene Junggesellenwohnung, usw. Alle Wege standen mir offen. Mein Körper war noch stark, meine Psyche schickte noch keine Warnsignale. Ich konnte machen was ich wollte. Und das tat ich auch….

C.K.: Irgendwann fiel das Kartenhaus zusammen… Dir war schon lange bewusst, dass es so nicht weitergehen kann. Und dennoch hast Du weitergemacht, hast allen, Deinen Vorgesetzten, Dir, Deiner Frau etwas vorgemacht. Ab wann war Dir bewusst, dass Du falsch abgebogen bist?

A.E.: Es sind die „drei F“, die dem Alkoholiker seiner Existenz berauben. Firma, Frau und Führerschein. Der Verlust aller drei ist der Anfang vom Ende. Bei mir war es der Führerscheinverlust mit 1,2 Promille, der mir die Richtung aufzeigte. Jetzt hatte ich es schriftlich: Du trinkst zu viel. Und jetzt werden es alle merken. Ein Jahr ohne Führerschein kann man nicht verheimlichen.

C.K.: Das war der Wendepunkt?

A.E.: Nein, im Gegenteil. Vor lauter Angst, Wut und Verzweiflung trank ich mehr als je zuvor. Letzten Endes verlor ich auch meine Arbeit und der Abgrund kam näher. Eines Morgens wachte ich auf, erbrach Blut und wusste, dass ich heute vielleicht sterben werde. In der Kürze erleichterte ich bei meiner Frau mein Gewissen und dann endete mein altes Leben. Bauchspeicheldrüsenentzündung, Organversagen, Zusammenbruch, Koma. Es dauerte Wochen, bis ich wieder aufwachte.

C.K.: Im Vordergrund stand die Frage: „Wird er es überleben“? Ja! Du hast es überlebt UND Du hast neu angefangen. Bist aufgebrochen in ein neues anderes Leben. Wie war das für Dich? Was waren Deine ersten Schritte?

A.E.: Auch wenn ich nicht wusste, welche Zukunft auf mich zukommt, war mein erster Gedanke als ich aufwachte: „Endlich, es ist vorbei. Nie wieder Trinken.“
Es folgten Wochen der körperlichen Genesung, Aussprache mit der Familie, Reden, Verstehen, Verzeihen usw. Dann musste ich meine Hausaufgaben machen: Suchttherapie, Analyse, lernen und akzeptieren, was nicht mehr zu ändern war.
Dann, als Körper und Geist die Sucht besiegt hatten, kam es mir vor, als würde ich aus einem Alptraum erwachen. Ich erwachte morgens mit einem klaren Kopf, hatte kein Suchtverlangen in mir, sondern hörte die Vögel pfeifen, spürte die Sonne auf der Haut und nahm den Geruch von Blumen wieder wahr. Aber das Beste war: Ich war ruhig und zufrieden. Ich hatte keine Angst mehr und auch kein schlechtes Gewissen.

C.K.: Einige Weggefährten sind geblieben, die Wichtigste von Allen – Deine Ehefrau – ist noch heute treu an Deiner Seite. Andere sind gegangen, haben sich abgewandt. Wie blickst Du zurück auf diese Zeit, diese Menschen?

A.E.: Meiner Ehefrau kann ich für ihre Zuversicht und ihr Verständnis nicht genug danken. Ihr Optimismus rettete mir das Leben. Ich habe mich in dieser Zeit natürlich verändert. Dass damit nicht alle klarkommen, war selbstverständlich. Man war mich als lebenslustigen humorvollen Burschen gewöhnt, jetzt war ich ein geläuterter, ruhiger und ernsterer Mensch als zuvor.

C.K.: Die Chance auf so einen Aufbruch zum Neuanfang ist nicht vielen gegeben. Es ist kein Privileg, sondern eine Verantwortung. Kein Geschenk, sondern ein Status, den man sich jeden Tag neu erarbeiten muss… Oder siehst Du das anders?

A.E.: Nein, diese Erfahrung wurde eine der ersten im abstinenten Leben. Mir wurde vergeben und Verständnis entgegen gebracht. Leute halfen mir, die das nicht tun mussten. Allen bin ich Dank schuldig und muss deren Arbeit und Geduld in Ehren halten. Ich sehe jetzt alkoholkranke Menschen mit anderen Augen als früher. Wer bin ich, dass ich jetzt noch andere verurteilen sollte?
Für mich selbst begann hingegen eine neue Herausforderung. Ich muss lebenslang Acht geben auf die Signale, die mir meine Psyche sendet. Stand halten, stark bleiben. Es heißt jetzt: „Ich will nicht mehr trinken“ und nicht „Ich darf nicht mehr trinken.“

C.K.: Welche Rolle spielt dabei Dein Glauben?

A.E.: Nun, ehrlich gesagt ist er daraus erwachsen. Ich war nie der gläubigste Mensch auf Erden, aber das Glück, das mir geschenkt wurde, machte mich zu einem bescheidenen Mann, der Gott jetzt in vielen kleinen Dingen sieht, die vorher verborgen waren.

C.K.: Vielleicht liest dies jemand, der sich in einer ähnlichen Situation befindet, wie Du es damals getan hast, oder jemanden kennt, dem es so geht. Was rätst Du diesen Menschen?

A.E.: Akzeptiere dich, es ist nicht verwerflich, krank zu sein. Schau in den Spiegel und mach dir Pläne: Befasse dich zunächst alleine mit dem Thema, wenn du dich nicht outen möchtest. Schau im Netz nach Infos, informiere dich über anonyme Hilfsmöglichkeiten, und wenn du genug Mut hast, dann wende dich an einen Arzt deines Vertrauens. Du wirst überrascht sein! Aber vor allem: Schreib dich nicht ab. Das Leben, das auf dich wartet, ist so schön!

C.K.: Ich danke Dir für dieses ehrliche und  mutmachende Gespräch.

A.E.: Sehr gerne.

 

Das Buch von Alfred Endres „Dann hör doch einfach auf…“ ist im Acabus Verlag erschienen und kostet 12,90€.

Betroffene oder Angehörige, die Unterstützung suchen können sich an folgende Organisationen wenden:

KPB Fachambulanz für Suchterkrankung, Dachau 08131 82625

Caritas, Dachau 08131 2980

Drops, Dachau 08131 80160

Club 29, München 089 59 98 930

Speziell für Kinder und Jugendliche: condrops e.V., München 0800 34 10 100

 

Cécile Koch
Seit 2007 ehrenamtliche Suchtkrankenhelferin beim Club 29, München