Umkehrung der eigenen Sinne

In den Evangelien des Neuen Testamentes taucht das Thema des Aufbruchs auch auf.

Schon Josef und Maria gleich zu Anfang der „Weihnachtsgeschichte“ sind Aufbrechende. „Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem…auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe…“ Die geängstigten Hirten in der Nähe beruhigt ein Engel: „Fürchtet euch nicht!“

Der erwachsene Jesus ist als Wander­prediger immer wieder im Aufbruch, mit seinen Jüngern mal hier in diesem Dorf und mal dort in jenem Dorf.

Die zahlreichen Beispiel­geschichten, Heilungswunder und Gleichnisse deuten aber auf andere Aufbrüche hin. All diese Ge­schichten sollen bei den Hörern anregen, eine neue Sicht der Dinge zu entwickeln, hin zu einem neuen Verständnis und einem neuen Handeln.

Sehr plastisch und krass dargestellt wird es in der Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus: Der arme Lazarus darbte vor der Tür des reichen Mann, der herrlich und in Freuden lebte. Als Lazarus starb, trugen ihn die Engel in Abrahams Schoß (Himmel). Als der reiche Mann starb, fand er sich in der Hölle wieder und litt Qualen. Von Ferne konnte er Lazarus im bergenden Schoß von Abraham sehen. „Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge, denn ich leide Pein in dieser Flamme.“
Abraham erfüllt den Wunsch des reichen Mannes nicht. Er verwies auf das Gebot der Nächstenliebe, das der reiche Man in seinem Leben kannte, aber nicht befolgte.

Jesus ging es darum, die Einstellung seiner Hörer zu verändern. In diesem Beispiel geht es darum, im Sinne der Nächstenliebe seinen Reichtum zu teilen, weil nicht nur Reichtum verpflichtet, sondern auch, weil Teilen neuen Kontakt ermöglicht und das soziale Leben „reicher“ macht.

Nebenbei bemerkt, nur an dieser Stelle wird von „Vater“ Abraham gesprochen, der im Jenseits die Aufgabe hat, die Gestorbenen in seinem Schoß zu bergen (bis auf diejenigen, die in der Hölle landen!).

Im syrischen Kloster Deir Mar Musa gibt es ein Bild von Abraham und anderen (Erzvätern?, Isaak?, Jakob?, ja auch Maria?). In ihrem Schoß ruhen die Verstorbenen. Das empfinde ich als eine neue und schöne Vorstellung vom Jenseits, geborgen zu sein im Schoß einer größeren Macht.

Pfr. Thomas Körner