Als Spätaussiedler aus Siebenbürgen in Deutschland angekommen

Ilse Stirner, sog. „Spätaussiedlerin“ aus Siebenbürgen, erzählt von ihrer Ankunft in einer neuen Heimat.

Frau Stirner, warum verlässt man seine Heimat und wann haben Sie den Entschluss gefasst, aus Siebenbürgen auszuwandern?

1980 hatten mein Mann und ich den Ausreiseantrag von Rumänien nach Deutschland gestellt. Siebenmal erhielten wir eine Absage. Aber wir wollten nur weg, weg aus dem Land, wo 30 Jahre meine Heimat war, wo man das Wort „Freiheit“ wenig kante, wo das Damoklesschwert des Geheimdienstes immer über uns schwebte, wo unsere deutsche Zukunft nicht mehr gesichert war.

Frei wollten wir sein, offene Grenzen finden, deutsche Nachbarn haben und deutsch bleiben. Unsere Tochter sollte eine deutsche Schule besuchen dürfen.

Wir wollten uns nicht „zwangsromanisieren“ lassen, wollten unsere Identität und Kultur bewahren. Seit 1981 wurden per Gesetz Lehrkräfte, die einen Ausreiseantrag stellten, einer regelrechten „Gehirnwäsche“ unterzogen, sonst drohte die Kündigung. Ich erhielt Berufsverbot in meinem Traumberuf.

Am 14. September 1985 war es dann endlich soweit: der Tag der Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland.

Mit welchen Hoffnungen machten Sie sich auf den Weg?

Anfangs war die Euphorie groß.  Da war der Wunsch nach Freiheit und dass man endlich akzeptiert wird.

Was erleichterte oder erschwerte Ihnen das Ankommen?

Dieses Land hatten wir uns als zweite Heimat gewünscht und nun mussten wir uns an die Arbeit machen, um diese Heimat auch zu finden. Die alte Heimat blieb in unseren Erinnerungen, aber die Hoffnung und der Optimismus waren groß, dieses Land zu unserer zweiten Heimat werden zu lassen.

Wir sprachen die deutsche Sprache, unsere Muttersprache. Das war eine gute Basis für die Integration in der neuen Heimat. Mein Grundschullehrerdiplom wurde nicht anerkannt, so machte ich eine Umschulung zur Kommunikations- und Sekretariatsassistentin, arbeitete zunächst in Dachau und dann schließlich in der Zentralbibliothek der LMU. Die Arbeit mit den jungen Leuten und einfach Literatur lesen zu können, hat viel Spaß gemacht!

Manches war auch enttäuschend. Wir erfuhren auch Neid und Ablehnung, begegneten einer „Ellenbogengesellschaft“, die uns fremd war. Aber wir haben die Anfangshürden genommen, gearbeitet und uns auch ehrenamtlich engagiert. Wir lernten die Gepflogenheiten kennen und knüpften gute Kontakte.

Foto: Ankunft in der neuen Heimat, Stirner privat

Wodurch fühlt man sich wirklich „angekommen“ in der neuen Heimat?

Dachau wurde bald unsere neue Wahlheimatstadt. In der Kreisgruppe der Siebenbürger Sachsen wurden wir freundlich aufgenommen, auch im Kirchenchor der Gnadenkirche. 1991 erhielt ich vom Bund der Vertriebenen den Ausweis als Aussiedlerbetreuerin, eine herausfordernde ehrenamtliche Aufgabe, die mir auch sehr viel Freude bereitet hat: Menschen zu helfen, die noch recht verunsichert und nichtwissend ihr neues Leben in Deutschland beginnen wollten.

Ich engagierte mich auch fast 10 Jahre ehrenamtlich in der Hausaufgabenbetreuung des Diakonievereins der Gnadenkirche für Kinder aller Nationen. Diese Nebentätigkeit hat mir sehr viel Spaß gemacht, zumal der Beruf als Grundschullehrerin auch schon in meiner Kindheit immer mein Traumberuf war. Ich hatte die Möglichkeit, von den Eltern und Kindern viel über fremde Kulturen und Traditionen zu erfahren (Türkei, Afghanistan, Ex-Jugoslawien, Polen). Diese Erfahrungen bereicherten mein Leben in der neuen Heimat.

Wir sind jetzt hier zuhause.

Das Gespräch führte Pfrin. Ulrike Markert