Leben im Sterben

Kann es gut tun, sich mit dem Sterben zu beschäftigen? Kann der (nahende) Tod einen lebendig machen? Kann manim Hospiz tatsächlich leben!? Diese und ähnliche Fragen werden Sie sichstellen.

Wir, die wir tagtäglich Menschen in dieser Übergangszeit begleiten, erleben häufig, wie viele Menschen Schritt für Schritt lernen, das Sterben mit Leben zu erfüllen. Die Alternative zum „Schluss machen“ ist das Leben zu gestalten – auch im Angesicht des Todes.

Die Tochter einer Hospizbewohnerinschreibt: „Nachdem Mutter erfuhr, dass eine Heilung ihrer Krebserkrankung nichtmehr wahrscheinlich sei, entschlos­sen wir uns, mit dem Hospiz Kontakt aufzunehmen.Es dauerte nicht lange, bis unsere Mutter den Aufenthalt im Hospiz in vollen Zügen genoss, da sie nun Zeit für sich und die Dinge, die ihr Freudebereiteten, hatte. In dieser Zeit blühte sie, dank der liebe- und respekt­vollenBegleitung nochmals so richtig auf. Schon bald war ihr Zimmer Computer­zimmer und Bastelstube in einem. Sie schloss neue Kontakte und trat einem Internet Forum bei. Sie hatte nun Zeit und neue Energie, Aufzeichnungen über ihr Lebenzu schreiben. Auch einige Ausflüge mit uns waren ihr noch möglich. Uns auch als Familie nochmals näher zu kommen: Welches Geschenk, für das wir ewig zutiefst dankbar sein werden.“

Jede zweite Person, die ins Hospizin München-Bogenhausen einzieht, hat nur noch 14 Lebenstage vor sich. Es istuns als Team sehr wichtig, dass sich alle Betei­ligten trotz der Schwere des Abschieds und vielleicht durchaus belastender Symptome so wohl wie nur möglich fühlen.

Manchmal erleben wir auch, wie eine unserer wichtigsten Lebenskräfte zum Tragen kommt, nämlich der Humor.

Frau Meier war sehr unruhig, stand immer wieder auf, obwohl sie schon sehr schwach war. Sie wollte unbedingt inden Garten hinaus. Die Schwester fuhr sie im Rollstuhl. Sofort war sie irgendwie entspannt und wollte allein sein. Sie wollte sich mit Blumen beschäftigen. So ließ sie sich aus dem Rollstuhl rutschen, um eine Blume besser betrachten zu können. Nun lag sie im Gras! Trotz Klingel schlug sie keinen Alarm, sondern begrüßte die zurückkehrende Schwester schließlich: „Ich beiße gerade ins Gras, und jetzt helfen Sie mir doch!“ Dann saßen die beiden gemeinsam auf der Wiese und Frau Meier wiederholte noch mehrere Male mit Schalk in den Augen: „Jetzt hätte ich fast ins Gras gebissen!“

Zum Humor ließe sich noch viel
sagen. Was wäre unser Leben ohne ihn?
Ohne  unsere großen Fähigkeit, mit der Bedeutung und dem Sinn von Worten „zu spielen“?

Sepp Raischl, fachlicher Leiter Christophorus Hospiz Verein e.V. München, www.chv.org