Wie Bücher ein Leben prägen können

Pfarrerin Ulrike Markert im Gespräch mit der ehemaligenBibliothekarin Brigitta Hippler

Frau Hippler, Sie waren Bibliothekarin
in Hartha, einer Kleinstadt in der Nähe von Leipzig. Dort leiteten Sie eine Zen­-tral­bibliothek. Gab es ein Buch, das Sie besonders beeindruckt und Ihr Leben geprägt hat?

O, es waren zu viele! Manche Biographien haben mich beeindruckt, und philoso­phische Bücher haben mich zum Nach­denken gebracht, z.B. Biographien über Menschen, die eingekerkert waren. Ich wollte einfach ein bisschen mehr begrei­fen. Mit einer Kollegin zusammen veran­staltete ich Lesungen und Vorträge, für die wir auch durchaus zeitkritische Bücher auswählten, auch kritische Sowjetliteratur. Das kam bei den Leuten an. Man hat sich „ohne Brille verstanden“.

Beim Sommerfest des Friedrich-Meinzolt-Hauses zum Thema Baum als „Buche“

Durch die Bücher konnten Sie manches ausdrücken, was damals nicht offen ausgesprochen werden durfte?

Wir waren gezwungen nachzudenken.
Ich wollte den Dingen auf den Grund gehen. Wie manches kommen konnte.

Wir haben einmal eine Lesung veranstal­tet zu Edita Morris Buch „Die Blumen von Hiroshima“ (1966 erschienen). Am Gedenktag des Atombombenabwurfes werfen die Überlebenden Blumen in den Fluss. Und die Tante sagt zur Erzählerin:

„Man muss immer ganz dicht an das Unglück der anderen herankommen, um sie zu verstehen.“

Ein Satz, der Ihr Leben geprägt hat?

Ich gehöre zur Erlebnisgeneration des Nationalsozialismus. Als ich nach meiner Pensionierung nach Westdeutschland aus­reisen durfte und nach Dachau kam, da war für meinen Lebensgefährten, Hans Krauß und mich bald klar: „Wir haben unsere Jugend in der Zeit verbracht. Wir arbeiten das auf.“ Wir konnten die Geschichte nochmal überdenken und immer wieder fragen: „Wie konnte es dazu kommen?“

Sie haben nicht nur nachgedacht, sondern wurden auch aktiv?

Wir engagierten uns in der Versöhnungs­kirche und der KZ-Gedenkstätte. Wir mach­ten Führungen, auch für Schüler­grup­pen. Die Schüler sollten sich das vergegenwärti­gen können, wie das ist, jahrelang einge­sperrt zu sein. Für mich war es wichtig, dass die jungen Leute aus der Geschichte heraus die Gegenwart betrachten und die Aussage der Häftlinge „Nie wieder!“ begreifen lernen.

Wann in Ihrem Leben haben Sie sich besonders „zerbrechlich“ gefühlt?   

Man hatte manchmal Angst zu sagen, was man denkt und für seine Überzeugungen einzustehen. Das war nicht immer leicht.

Und was hat Sie dann gestärkt?
Was hat Ihnen Lust am Leben gemacht?

Mut, Engagement und Freunde. Als junge Leute haben wir uns viele Gedanken ge­macht und diskutiert. Die Freiheit der Gedanken und des Redens hier im Westen war für mich besonders wert­voll. Dass man zu seiner Meinung stehen kann.

Wann in Ihrem Leben haben Sie sich ganz intensiv „lebendig“ gefühlt?

Das war eigentlich schon die Zeit als Bib­-liothekarinmit meiner Familie. Die durfte vorher immer meine Vorträge hören und dann ihreMeinung äußern. Das war eine sehr erfüllte Zeit. Ich konnte mitgestalten und Denkanstöße geben.


Wir sind nicht umsonst in diese Weltgesetzt; wir sollen hier reif für eine andre werden.



MatthiasClaudius (1740 – 1815),
deutscher Dichter, Redakteur,Erzähler und Herausgeber des Wandsbecker Boten

Wenn über Ihr Leben ein Buch erscheinen würde, wäre das ein Krimi, eine Komödie oder ein Drama oder vielleicht eine Biographie?

Über mein Leben wird doch kein Buch er­scheinen! (lacht) Ich bin ein praktischer, nüchterner Mensch. Es wäre vielleicht etwas zwischen Biographie und Sachbuch, etwas Lebenspraktisches.

Was würden Sie jungen Menschen
gerne sagen, was das Leben wertvoll
und sinnvoll macht?

Die Liebe unter uns Menschen.Den An­deren achten und helfen, wenn jemand in Not ist. Jeder Mensch ist etwas Wertvolles für mich mit seiner individuellen Lebens­geschichte. Jeder ist einzigartig. Wie wun­derbar wäre es, wenn wir Menschen nach Jesu Bergpredigt leben und Nächstenliebe üben könnten.

Ich habe Sie als eine Frau kennen gelernt, die fürsorglich ist, bis jetzt ins hohe Alter: Ihren Kindern gegenüber,
der jungen Generation gegenüber und auch gegenüber Ihren Mitbewohnern im Friedrich-Meinzolt-Haus. Ist es das, was Ihrem Leben jetzt im hohen Alter von 90 Jahren Sinn verleiht?

Meine Kinder sagen scherzhaft:
„Unsere Mutter, die Weltverbesserin“.

Ich finde, man muss seinen Verstand gebrauchen. Auch wenn man alt geworden ist. Man kann immer noch Anstöße geben.