Begleitung am Ende des Lebens – aber nicht nur da!

Frau J. lebt seit zwei Monaten im Heim. Anfänglich war sie sehr froh, hier einen neuen Platz gefunden zu haben. Sie nahm regen Anteil an den Angeboten des Hauses. Gerne hat sie sich schick gekleidet in die Cafeteria bringen lassen. Als an einem Morgen die Pflegerin fragt, was sie denn heute anziehen möchte, bekommt sie diese Antwort: „Ist doch egal, es interessiert doch eh niemanden mehr, wie ich aussehe.“

Hinter diesen Worten steckt die Botschaft: Ich bin nicht mehr von Interesse!

Die fortschreitende Demenz führt bei Frau J. zur Panik, zur Angst vor dem Verlust der eigenen Persönlichkeit, damit verbunden vor der plötzlichen Unwichtigkeit für andere.

Die Pflegerin spricht mit Frau J. über diese Angst, sie beschwichtigt nicht, sie nimmt den Schmerz nicht weg, aber sie bleibt und hält die Frau in ihrer Angst und ihrem Verlustschmerz aus:

Ein Aspekt spiritueller Begleitung.

Im Gespräch findet Frau J. eine Erklärung für ihre Lustlosigkeit und ist mit ihren Gedanken nicht mehr allein gelassen. Was dabei geschieht, erfasst eine tiefere Dimension unseres Seins. Frau J. kann in dieser  Begegnung Glück erfahren und sei es auch nur für einen Augenblick. Sie erlebt, dass sie ernst genommen wird, kann sich geborgen fühlen in ihrer Not und erlebt in dieser Begegnung, dass ihr Leben  einen Sinn hat.

Speziell in Phasen von Krankheit, Lebenskrisen und Alter – aber nicht nur dann –  bekommen spirituelle Fragen,
Fragen nach dem Sinn, größere Bedeutung. „Wer bin ich? Wozu und für wen lebe ich? Wo komme ich her / wo gehe ich hin?“

Der Begriff Spiritualität ist weit und kann alles umfassen, was einem Menschen

Zugang schafft  zu seinen geistigen „Innenwelten“ oder dem, was ihm „heilig“ ist.  Jeder Mensch – unabhängig davon,  ob er religiös ist oder nicht –  kommt an Situationen, in denen er über sich selbst, sein Leben und seine Werte nachdenkt.

Dieses Nachspüren, Nachdenken und Deuten des eigenen Lebens geschieht auf dem  Hintergrund dessen, was dem Menschen in seinem Leben wichtig ist und ihm Sinn verleiht. Es ist individuell, je nach Person und Biographie geprägt von Konfession, Religion oder  weltanschaulichem Hintergrund. Mit diesen Fragen um das Selbstverständnis suchen Menschen Kontakt und Begegnung. Sie wollen sich mitteilen und suchen für sich persönlich stimmige Antworten.

Häufig wird das Thema wie nebenbei, scheinbar belanglos, angeschnitten. So wie bei Frau J., die auf einmal keinen

Wert mehr auf ihr Äußeres legt. Deshalb ist es gut, dass Menschen dafür hellhörig werden. In erster Linie ist  Zuhören mit allen Sinnen wichtig. Selten sind Lösungen erforderlich, meist entdeckt sie der Mensch selbst in der Begegnung mit einem achtsamen und sorgfältig zuhörenden Gegenüber. Es geht da­rum, sich als Resonanzkörper zur Verfügung zu stellen, damit die inner­sten Bedürfnisse eines Menschen ans Licht kommen.

Das geflügelte Wort „dem anderen die Wünsche von den Augen ablesen“ hat im Pflegealltag eine besondere Dimension. Häufig können sich die Menschen nicht mehr mit Sprache artikulieren. Hier ist Empathie mit allen Sinnen gefragt.

Jede kleine Regung gilt es besonders wach aufzunehmen, um den anderen zu verstehen und ihn begleiten zu können.

Da zu sein und einen Moment inne zu  halten, intensiven Augenkontakt zu suchen, bewusst wahrzunehmen, was im Raum vor sich geht und auch dies anzusprechen, ermöglicht Begegnung.

Ein langsames sich Annähern, Beobachten, Ausprobieren, was gut tut, Distanz wahren, Nähe geben, nicht Überrollen, das ist spirituelle Begleitung bzw. „spirituelle“ Pflege.

Das ist eine Haltung, die eigentlich jedem Menschen gut tut. Und besonders im Alter, wenn es darum geht, eine Lebensbilanz zu halten, ist diese besonders wichtig.

In den Pflegeheimen der Inneren Mission, also hier in Dachau im Friedrich-Meinzolt-Haus, wird diese Haltung ganz

selbstverständlich praktiziert im Umgang mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Hauses.

Die Innere Mission in München hat dazu eine besondere Fachstelle: SPES unterstützt und schult Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pflege, diese Haltung zu entwickeln und ermutigt sie, mit der  spirituellen Dimension des Handelns und Redens im Alltag zu rechnen. Die Fachstelle wurde errichtet, um durch Schulungen, Gespräche, Beratung der Einrichtungen usw. dabei zu unterstützen. Diesen Themen soll gerade am Ende des Lebens der nötige Raum gegeben und um eine würdevolle Begleitung und palliative Versorgung bis ans Lebensende entwickelt und gefördert werden.

Damit Menschen  ihr Leben als sinnhaft empfinden – bis zuletzt.

Dorothea Bergmann ist

Pfarrerin, Gestalttherapeutin und

Supervisorin, Trainerin für Ethikberatung im Gesundheitswesen (AEM).

Sie leitet die Fachstelle SPES: Spiritualität – Palliative Care – Ethik – Seelsorge der

Hilfe im Alter gemeinnützige GmbH (IMM)